• ©SPB_Pedro Bacerra (Monika Staesche); © Charlot van Heeswijk (Dorothea Winter); © GSCN / Arne Sattler  (Sina Bartfeld); © Prof. Dr. Petra Mund

    Frauen gestalten Wissenschaft: Perspektiven aus der Berliner Forschungslandschaft zum Weltfrauentag

Berlin ist die Stadt der Frauen - laut der Landeskonferenz Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Berliner Hochschulen (LakoF) nehmen Berlins Hochschulen seit 20 Jahren im bundesweiten Vergleich den Spitzenplatz nach Gleichstellungsindikatoren ein. Mit gut 37 Prozent Frauenanteil an Professuren, einem starken Profil in der Geschlechterforschung, intersektionalen Perspektiven, Familienfreundlichkeit sowie Antidiskriminierungs- und Schutzkonzepten zeichnet sich die Hochschullandschaft aus. Zum Weltfrauentag 2026 sprechen wir mit Berliner Wissenschaftlerinnen und unseren Brain City Berlin Botschafterinnen über ihre Perspektiven auf Berlin als Forschungsstandort: Warum sie hier arbeiten, wie die Netzwerke in der Hauptstadt ihre Karriere prägen und was es braucht, um Berlin noch stärker zu machen. 

Warum haben Sie sich für Berlin entschieden? 

„In Berlin bekomme ich oft gespiegelt ‚Du gehörst hierher‘ – das stärkt enorm”, so Brain City Berlin-Botschafterin Prof. Dr. Sina Bartfeld. Sie leitet das Fachgebiet Medizinische Biotechnologie an der Technischen Universität Berlin. „Was mich an Berlin begeistert, ist die Dynamik: In humanen Modellen, Alternativen zu Tierversuchen und der Stammzellbiologie passiert gerade spürbar viel. Ich habe das Gefühl, hier entsteht ein echtes Momentum – mit Raum für Neues, das international Strahlkraft entwickeln kann.” 

Für Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg war die Entscheidung für die Brain City Berlin beruflich und persönlich geprägt: „Berlin verkörpert für mich den Geist einer offenen Wissensgesellschaft, in der Wissenschaft nicht nur produziert, sondern gelebt wird. Als Zukunftsforscherin und Psychologin fasziniert mich besonders die Verbindung von Technologie, Sozialwissenschaften und gesellschaftlicher Transformation. Berlin ist einer der wenigen Orte in Europa, an denen interdisziplinäre Forschung nicht nur möglich, sondern kulturell selbstverständlich ist.” 

Auch für die Philosophin und Autorin Dr. Dorothea Winter war die Wahl schnell klar, denn wer zu KI forscht, kommt laut ihr an Berlin kaum vorbei: „Berlin ist nicht nur Bundeshauptstadt, sondern auch KI-Hauptstadt mit einem dichten KI-Ökosystem, super viele KI-Startups, starken Forschungseinrichtungen, NGOs und KI-Expert:innen aus allen möglichen Disziplinen und Bereichen.” 

Lia Carlucci überzeugt der Anspruch, Wissenschaft nicht im Elfenbeinturm zu denken. Mit dem Food Campus Berlin baut sie ein Ökosystem, in dem Ernährungsforschung, Biotechnologie, KI und Robotik zusammenwirken. Entscheidend ist für sie folgende Besonderheit Berlins: „nicht nur Image, sondern echte Kollaboration“. 

Dr. Monika Staesche, Stellv. Vorstand der Stiftung Planetarium Berlin, sieht Berlin als eine besondere Stadt, was Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation betrifft: „Als ich begann, mich für Astronomie zu interessieren – Anfang der 1980er Jahre – war dies für ein Mädchen noch recht ungewöhnlich. Hier hat sich dankenswerterweise viel geändert. Das Planetarium am Insulaner und später die Stiftung Planetarium Berlin geben mir als Stellvertretender Vorstand und Direktorin des Planetariums am Insulaner die Möglichkeit, nicht nur meine Begeisterung für den Sternenhimmel zu teilen, sondern auch anderen Frauen ein Forum zu bieten, um ihre Forschung zu präsentieren. Wir können uns untereinander besser vernetzen und austauschen, und das finde ich großartig.” 

Wie unterstützt Berlin Wissenschaftlerinnen? 

Anabel Ternès schätzt an Berlin das starke Netzwerk aus Forschungseinrichtungen mit einer Vielzahl an Austauschformaten und hoher öffentlicher Sichtbarkeit, in dem Frauen zunehmend als aktive Gestalterinnen gesehen werden. Gleichzeitig findet sie, dass strukturelle Arbeit notwendig bleibt – insbesondere bei Führungspositionen. Prägend für sie war die Erfahrung in der Brain City Berlin, dass wissenschaftliche Exzellenz langfristig durch Integrität, Originalität und Durchhaltevermögen entsteht – nicht durch kurzfristige Anerkennung.  

Dorothea Winter erlebt Berlin als weniger hierarchisch: „In Berlin kommt es eher darauf an, was gesagt wird, als wer es sagt.“ Sie hat in der Stadt sehr schnell die Möglichkeit bekommen, auf Panels zu sprechen, Interviews zu geben und Artikel zu schreiben - „weil Berlin weniger behäbig ist als andere Städte in Deutschland”. Diese Einladungen sowie die Resonanz aus Lehre und Praxis zeigen ihr, dass ihre Arbeit wahrgenommen wird. 

Für Lia Carlucci ist Berlin Experimentierfeld und Resonanzraum zugleich. Die Nähe von Hochschulen, Start-ups, Investor*innen und Politik ermögliche schnelle Iteration: „Ein Gespräch am Vormittag kann am Nachmittag in einen Austausch mit einem Industriepartner münden. Zugleich trägt sie selbst dazu bei, den gegenseitigen Support in Berlin zu organisieren, indem sie Women in Climate Tech mitgegründet hat, eine nichtkommerzielle Community für weibliche Gründerinnen und Investorinnen im Climate Tech Bereich.  

Prof. Dr. Petra Mund von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin erlebt die Brain City Berlin als einen dynamischen und vielfältigen Forschungs- und Arbeitsort für (angehende) Wissenschaftler*innen der SAGE-Professionen: „Die Stadt bietet hervorragende Möglichkeiten zur fachlichen und interdisziplinären Vernetzung, insbesondere durch die Möglichkeit zur engen Zusammenarbeit mit sozialen Organisationen und zivilgesellschaftlichen Initiativen.” 

Spielt die Stadt selbst eine Rolle für die Forschung? 

„Ja, sehr sogar“, sagt Anabel Ternès. Berlin ist für sie ein „psychologischer Resonanzraum für Veränderung“. Die Geschichte der Stadt mit ihren Brüchen und Transformation unterstützt Forschung zu Wandel, Resilienz und Zukunftsfragen. „Berlin ist ein lebendiges Zukunftslabor”, so die Zukunftsforscherin. Für sie ist die Kombination aus digitaler Innovation, Kulturwissenschaften, Medizin, Psychologie und sozialer Transformation essenziell. „Die Stadt zwingt Forschung nicht in Silos. Sie fördert Denken in Systemzusammenhängen.” Auch die wissenschaftliche Infrastruktur aus Netzwerken in Berlin hilft bei ihrer Forschung – insbesondere bei der globalen Kontextualisierung und bei interdisziplinären Dialogen. „Karrieren in der Wissenschaft entstehen heute nicht mehr allein durch individuelle Leistung, sondern durch kollektive Wissensräume.” 

Auch Monika Staesche ist inspiriert von Berlins einzigartiger Stadtgeschichte, die sich zum Beispiel an den Planetarien zeigt: Das Zeiss-Großplanetarium im Prenzlauer Berg und das Planetarium am Insulaner bilden heute zusammen mit der Archenhold-Sternwarte die Stiftung Planetarium Berlin – ein Sinnbild für echte Kollaboration in der Brain City Berlin. 

Dorothea Winter erlebt Berlin als Labor für KI-Ethik: von Verwaltungsanwendungen bis zu medizinischen Projekten. Als Beispiel nennt sie BärGPT für die Berliner Verwaltung, ein KI-Tool der Senatskanzlei, das Routineaufgaben unterstützt. Auch in der Mobilität dient Berlin mit Projekten wie KIS’M in TXL – ein Projekt zu fahrerlosen, bedarfsgerechten ÖPNV-Angeboten – als Reallabor. „Das sind alles Kernfragen der Ethik“, sagt sie über die Projekte, die etwa Verteilungsfragen, Transparenz, Verantwortung und Zugang zu Wissen betreffen – und die sie mit Studierenden direkt vor Ort diskutieren kann. Auch die niederschwelligen Zugänge zu Austauschformaten sind entscheidend für sie, was das Netzwerken und Arbeiten in Berlin angeht.  

„In meiner Funktion als Vizepräsidentin für Studium und Lehre ist es mir ein zentrales Anliegen, insbesondere auch Frauen* zu einer wissenschaftlichen Karriere in den SAGE-Professionen zu ermutigen und sie bei einem erfolgreichen Einstieg in die Wissenschaft zu unterstützen. In diesem Zusammenhang schätze ich das Berliner Programm zur Förderung der Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre (Berliner ChancenGleichheitsProgramm – BCP) sehr, da es einen wichtigen Beitrag zu fairen, inklusiven und zukunftsorientierten Rahmenbedingungen im Wissenschaftssystem leistet.”, so Petra Mund zu Berlins Netzwerken. 

Wie kann Berlin noch stärker werden? 

Anabel Ternès wünscht sich systematische Förderung weiblicher Spitzenforschung und weiblicher akademischer Führung in der Brain City, ebenso wie eine engere Verbindung zwischen Zukunftsforschung, Technologieethik, Medizininnovation und gesellschaftlicher Umsetzung. Berlin sollte sich ihrer Meinung nach als Hauptstadt des humanistischen Fortschritts präsentieren – als Ort, an dem Wissenschaft nicht nur Innovation erzeugt, sondern auch Sinn, Verantwortung und gesellschaftliche Stabilität. „Mein Wunsch für Berlin ist, dass die Stadt ein globales Zentrum für menschlich orientierte Zukunftsforschung wird.” 

Dorothea Winter plädiert für mehr Selbstbewusstsein: „Berlins Stärke liegt nicht im Nachbau, sondern in der Verbindung von exzellenter Forschung, kultureller Vielfalt, gesellschaftlicher Debatte und anwendungsnaher Innovation.” Sie wünscht sich, dass die Brain City Berlin die vorhandenen Elemente zusammenbringt, um etwas zu werden, was andere Standorte gerade nicht sind: ein Ort für schnelle, aber auch öffentlich relevante, reflektierte und demokratische Innovationen. „Wir sind nicht nur arm, aber sexy. Wir sind KI, aber ethisch.“ 

Lia Carlucci würde sich über mehr Sichtbarkeit im Stadtraum freuen, etwa in Form von Porträts von Wissenschaftler*innen an öffentlichen Orten: „Menschen interessieren sich für Gesichter und Geschichten.“ Das könne Identifikation schaffen – und Inspiration für die nächste Generation. 

Sechs Frauen, sechs Profile 

Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg ist Zukunftsforscherin und Psychologin sowie Managing Director des Instituts für Nachhaltiges Management an der SRH Hochschule Berlin. 

Dr. Dorothea Winter ist Philosophin und Autorin. Sie promovierte 2025 an der Humboldt-Universität zu Berlin zu „Intentionalität und Künstliche Intelligenz“ und forscht heute an der Humanistischen Hochschule Berlin zu Angewandter Ethik und Digitalem Humanismus. 

Lia Carlucci ist Co-Geschäftsführerin des Food Campus Berlin und gestaltet an der Schnittstelle von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik die Zukunft nachhaltiger Ernährung. 

Prof. Dr. Sina Bartfeld leitet das Fachgebiet Medizinische Biotechnologie an der Technischen Universität Berlin und ist Co-Sprecherin des Forschungszentrums „Der Simulierte Mensch“.   

Dr. Monika Staesche ist Stellv. Vorstand der Stiftung Planetarium Berlin und Direktorin des Planetariums am Insulaner und Wilhelm-Foerster-Sternwarte. 

Prof. Dr. Petra Mund  von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin ist Professorin für Sozialarbeitswissenschaft und Sozialmanagement mit einem Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendhilfe. Vor ihrer Promotion arbeitete die Brain City-Botschafterin als Streetworkerin.  

Zum Weltfrauentag zeigen ihre Perspektiven: Die Brain City Berlin ist ein Ort, an dem Wissenschaftlerinnen gestalten, vernetzen und Zukunft mitprägen. Auch die LakoF stimmt zu: „Die strukturelle Verankerung von Chancengleichheit ist ein starkes Markenzeichen des Wissenschaftsstandorts Berlin.” 

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