• © Ilona Buchem

    Sozialer Roboter hilft beim Stressabbau: NEFFY 2.0 aus der Brain City Berlin

Kann ein Roboter dabei helfen, Stress abzubauen? An der Berliner Hochschule für Technik (BHT) wird genau das erforscht. Prof. Dr. Ilona Buchem und ihr Team haben NEFFY 2.0 entwickelt, einen haptischen Atembegleiter, der Menschen intuitiv durch Atemübungen führt. Die Ergebnisse einer aktuellen Studie wurden in den Proceedings der ACM/IEEE International Conference on Human Robot Interaction HRI2026 veröffentlicht. 

Ein Roboter, der zum Atmen einlädt 

NEFFY 2.0 ist ein kleiner Roboter mit einem Gesicht auf einem Display. Wer mit ihm übt, legt die Hände auf seine Schultern und atmet im Takt seiner Bewegungen: Der Schulterbereich hebt sich beim Einatmen, senkt sich beim Ausatmen, der Kopf folgt denselben Bewegungen. „Die Idee ist eigentlich, dass man so sitzt, als würde man einem anderen Menschen gegenübersitzen, der auch atmet und voratmet", erklärt Buchem. Das Display dient gleichzeitig als Dashboard, über das sich Sprache, Lautstärke und Übungsdauer einstellen lassen. Zur Auswahl stehen Programme von einer, drei oder fünf Minuten. 

Entwickelt wurde NEFFY im Labor für Kommunikation der BHT, in enger Zusammenarbeit mit Studierenden des Studiengangs Humanoide Robotik. „Grundsätzlich finde ich es spannend, das zu untersuchen und zu schauen, wie ein Roboter gebaut werden kann, der Menschen hilft, sich zu entspannen und Stress zu reduzieren", sagt Buchem. Dabei sei die Komplexität des Projektes von Anfang an spürbar gewesen: von der haptischen Interaktion und dem technischen Design bis hin zum Gesichtsausdruck auf dem Display und den eingesetzten Sounds. 

Studie mit Geflüchteten aus der Ukraine 

In der aktuellen Studie verglich das Forschungsteam die Wirkung von NEFFY 2.0 mit einer rein audiobasierten Atemübung. Teilgenommen haben 14 geflüchtete Erwachsene aus der Ukraine, in Kooperation mit der Johannesstift Diakonie und dem Berliner Hochschulnetzwerk „Zukunft findet Stadt". Die Teilnehmenden führten beide Übungen in wechselnder Reihenfolge durch. 

Die Ergebnisse sprechen für den Roboter: Die wahrgenommene Stressreduktion war in der Roboter-Bedingung deutlich stärker, und die Effektstärke der statistischen Analysen fiel entsprechend größer aus. Buchem erklärt, warum: „Es war den Menschen einfacher, durch die haptische Erfahrung den eigenen Atemrhythmus mit dem Roboter zu synchronisieren als im Vergleich nur zu reiner Audioeinleitung." Bei der Audio-Version fehlte vielen Teilnehmenden das Gefühl, wirklich im richtigen Rhythmus zu atmen. Auch wenn der Stichprobenumfang mit 14 Personen statistisch begrenzt ist, bestätigten qualitative Rückmeldungen die Wirkung. Für Buchem besonders bemerkenswert: „Alle haben sehr positiv auf den Roboter reagiert und es gab keine Vorkommnisse, wo wir die Übung unterbrechen mussten." Die Studie war von einer Ethikkommission begleitet worden, und die Teilnehmenden konnten die Übung jederzeit und ohne Erklärung abbrechen. 

Neben dem Selbstbericht wurde erstmals auch eine physiologische Messung eingesetzt: Über einen Brustgurt und einen Fingersensor erfasste das Team Herzrate, Herzratenvariabilität, Atemfrequenz und Hautleitwert. Die Auswertung mittels Clusteranalyse ergab drei unterschiedliche Atemmuster. Buchem betont jedoch: „Stress ist ein komplexes Konzept. Diese Kombination aus verschiedenen Faktoren ist nicht so eindeutig, wie man das mit einem Fragebogen erfasst." Für belastbarere physiologische Aussagen seien größere Datenmengen notwendig. 

Berlin als Forschungsstandort: Vernetzung macht den Unterschied 

Dass NEFFY in dieser Form entstehen und erprobt werden konnte, hat viel mit dem Forschungsumfeld der Brain City Berlin zu tun. Der Zugang zu Studienteilnehmenden entstand über den Sunpark, eine Pflegeeinrichtung der Diakonie in Marienfelde und Partner im Netzwerk „Zukunft findet Stadt". Gleichzeitig arbeitete das Team mit der HTW Berlin zusammen, deren Studiengang Bekleidungsindustrie fellähnliche Überzüge für NEFFY entwarf, darunter einen waschbaren Bärchenanzug, der den Roboter für ältere Menschen angenehmer und einladender wirken lässt. 

Die Vernetzung geht noch weiter: Ein neues, vom Berliner Innovationsfonds gefördertes Projekt bringt die BHT mit der Evangelischen Hochschule Berlin, der Katholischen Hochschule für Sozialwesen und der HTW zusammen. NEFFY soll dabei als „Boundary Object" dienen, also als gemeinsamer Bezugspunkt, über den Studierende aus Pflege, Technik und weiteren Fachrichtungen unterschiedliche Perspektiven in die Weiterentwicklung des Roboters einbringen. „Wir wollen schauen, wie verschiedene Studierende aus verschiedenen fachbezogenen Perspektiven die Weiterentwicklung von NEFFY beeinflussen können", so Buchem. 

Ausblick: NEFFY 3.0 kommt 

Das Team arbeitet bereits an der dritten Version. Neben einem verbesserten Display und erweiterter Mehrsprachigkeit werden tierähnliche Designelemente erwogen, da diese erfahrungsgemäß besonders viel Sympathie wecken. Zudem sollen Sensoren integriert werden, die eine Rückkopplung mit dem Atemrhythmus der nutzenden Person ermöglichen. Dabei gilt: „Wir wollen die Technik einfach halten. Sehr häufig bekommen wir Feedback, dass es gerade durch diese Einfachheit und Schlichtheit vertrauensweckend ist." 

Langfristig soll NEFFY in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und in der Arbeit mit Menschen in belastenden Lebenssituationen eingesetzt werden. Unterstützt wird die geplante Version NEFFY 3.0 auch vom Innovationsfonds von „Zukunft findet Stadt“, um neue Erkenntnisse zur stadtteilbezogenen Langzeitpflege zu gewinnen. Wer Interesse daran hat, eine Geschäftsidee rund um NEFFY zu entwickeln, kann sich gerne bei Prof. Dr. Ilona Buchem melden: buchem@bht-berlin.de.  

Für die Brain City Berlin ist NEFFY ein Paradebeispiel dafür, was entsteht, wenn Hochschulen, Pflegeeinrichtungen und zivilgesellschaftliche Partner eng zusammenarbeiten: ein Forschungsprojekt, das technologische Innovation mit echtem gesellschaftlichem Nutzen verbindet und Berlin als Standort für menschenzentrierte, transdisziplinäre Forschung stärkt.  

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