• Hauptgebäude der ESCP Business School, Campus Berlin

    Mit Whiteboards gegen die digitale Müdigkeit

Dr. René Mauer ist Professor für Entrepreneurship und Innovation an der ESCP Business School in Berlin. Dass in diesen Fächern innovative Lehrkonzepte angesagt sind, versteht sich fast von selbst. Aber auch die ESCP mit ihren sechs Standorten in Europa setzt aktuell vor allem auf die Online-Lehre. Was also tun, wenn in der Lehre auf einmal Distanz verordnet ist? In seinem Brain City-Gastbeitrag gibt René Mauer Einblick in seine – nicht nur digitale – Werkzeugkiste. 

Herr Prof. Dr. Mauer, wie hat der Lockdown Ihren Unterricht beeinflusst?

Unterrichten ist für mich etwas durch und durch Dreidimensionales, ein räumlich-sozialer Prozess. Online zu unterrichten, steht dem aber entgegen, denn da fehlt eine Dimension – und damit ein gutes Stück der Lernerfahrung. Auch im Bereich Entrepreneurship war die Umstellung auf 2-D und räumliche Distanz zunächst eine Herausforderung: Ich setze bei meinen Veranstaltungen weniger auf Powerpoint-Präsentationen, sondern vielmehr auf Flipcharts, Whiteboards und die Wände des Klassenraums. Auf diese Weise entsteht über ein paar Stunden oder einen Tag hinweg eine ganze Lernreise. Um das in die Online-Welt zu übertragen, haben wir sehr schnell mit digitalen Medien gearbeitet, vor allem mit digitalen Whiteboards, Voting-Systemen und Breakout-Räumen. Und das hat online seine Vorteile, denn so sind auch größere Gruppen in Sekunden unkompliziert in Kleingruppen aufgeteilt, zugeordnet und arbeitsfähig. Genauso schnell habe ich die Gruppen auch wieder zurückgeholt, um zum Beispiel noch eine Nachbesprechung zu machen. 

Auf welche digitalen Medien würden Sie auch nach Corona nicht verzichten?

Was bestimmt nicht mehr aus der Lehre verschwinden wird, sind die digitalen Whiteboards: Darauf arbeiten ohne Weiteres sechs oder mehr Gruppen gleichzeitig. Zoomt man während einer Gruppenarbeit auf dem Whiteboard ein Stück heraus, sieht man ein faszinierendes Schwärmen aller Beteiligten, die gleichzeitig nicht nur ihre verschiedenen Aufgaben bearbeiten, sondern auf dem Whiteboard ein sichtbares Arbeitsergebnis entstehen lassen. Wenn dann alle wieder zusammenkommen, ist das Ergebnis in der Regel bereits rein optisch beeindruckend: Da wurde etwas geschaffen. Und das, was geschaffen wurde, können sich alle gleich gemeinsam anschauen. Für manche Kurse entsteht so der ganze Lernprozess auf einem digitalen Whiteboard. Wir haben auch gute Erfahrungen damit gemacht, bei einigen gemeinsamen Arbeiten nicht die Flipcharts im Raum zu nutzen, sondern das geteilte Whiteboard. Später kann daran auch von zu Hause aus weitergearbeitet werden. Was noch fehlt, sind dynamische Wände. Also die Möglichkeit, digital erstellte Inhalte wieder so flexibel in einem Raum anzuordnen, wie ich es gerne mit richtigem Papier mache.

Wie haben Ihre Studierenden im vergangenen Jahr auf die veränderte Lernsituation reagiert?

Die Vorstellung, mehrere Stunden oder gar einen Tag lang in einer Videokonferenz verbringen zu müssen, schafft Widerstände. Wobei es große Unterschiede gibt: Studierende oder Teilnehmer*innen mit Berufserfahrung sind mitunter offener gegenüber einer Online-Lernerfahrung. Jüngere Studierende, die sich mit ihrer Studienwahl auch für eine bestimmte soziale Erfahrung entschieden haben, hadern manchmal stärker damit. Aber sowohl die Breakout-Räume wie auch die Arbeit an digitalen Whiteboards haben die Studierenden sehr positiv aufgenommen. Und es gab es im letzten Jahr viel Lob. Wenn es darum ging, auch online eine gute Lernerfahrung zu gestalten, haben wir die Erwartungen deutlich übertroffen.  

 

Prof. Dr. René MauerESCP Business School Berlin

Prof. Dr. René Mauer

Die Vorstellung, mehrere Stunden oder gar einen Tag lang in einer Videokonferenz verbringen zu müssen, schafft Widerstände.

Stichwort Lernerfahrung: In welchen Bereichen kann die Online-Lehre mit dem Unterricht vor Ort nicht mithalten?

Was das letzte Jahr gezeigt hat, ist, dass allen Online-Konzepten eine ganze Menge Leben fehlt. Ich nenne das „Zwischentöne“: das zufällige Treffen einer Kollegin auf dem Gang, das kurze Gespräch im Nachgang zu einer Veranstaltung mit Studierenden, gemeinsame Mittagessen oder einfach das wuselige Treiben am Campus. Ich glaube, dass viele Studierende es genießen werden, wieder an den Campus zu kommen. Das fände auch ich persönlich schön; über die Zeit habe ich gemerkt, dass ich den Arbeits„platz“ nochmal ganz anders wertschätze. Online fehlt mitunter auch ein wenig die Energie, die Studierende in einen Klassenraum hineinbringen. Und natürlich gibt es inzwischen auch viel Digitalmüdigkeit und damit verbundene Skepsis.

Was hilft aus Ihrer Sicht gegen die Digitalmüdigkeit im Uni-Kontext?

Interaktion ist unabdingbar, um digitale Erfahrung positiv zu gestalten. Solange die Gruppen 25 Teilnehmende nicht übersteigen, bitte ich alle, ihre Kamera UND ihr Mikrofon angeschaltet zu lassen. Das funktioniert nicht bei allen Gruppen. Gerade jüngere Studierende tun sich hin und wieder sehr schwer damit. Sie sind zwar in der Regel technikaffin, trotzdem ist es für sie eine Herausforderung, aus ihrer Home-Situation eine wirksame Home-Office- oder Home-Classroom-Situation zu machen. Viele sind bei Videokonferenz dabei, ohne ihr Mikrofon oder die Video-Option zu aktivieren. Das digitale Erleben wird dadurch leider nicht nur für sie deutlich schlechter, sondern für sämtliche Teilnehmer*innen. Die Teilnehmer*innen sind nicht präsent und Interaktion kaum noch möglich. Wir haben vor kurzem einen sehr interaktiven Kurs gestaltet, in den wir unter anderem Theaterelemente eingebaut hatten. Nach einigen Stunden bestanden wir Dozenten darauf, dass alle 20 Teilnehmenden aufstehen und ihren Laptop auf einen Stuhl auf ihrem Tisch stellen, um die Kamera auf Augenhöhe zu bekommen. Der Unterschied war unglaublich! Die Präsenz war um ein Vielfaches höher, und die Qualität der Interaktion stieg enorm. Am Ende entstand eine Improvisations-Show für 80 Gäste, die als Zuschauer*innen zu uns in die Veranstaltung kamen – und die von der Präsenz und Interaktion der Studierenden in 2-D  begeistert waren. 

Sie befassen sich auch mit „Effectuation", einer unternehmerischen Entscheidungslogik, die hilft, trotz Ungewissheit zu planen. Inwieweit konnten Sie Ihre Expertise auch für die ungewohnte Lehrsituation nutzen?

Es klingt seltsam, aber ich glaube, für unsere Arbeit als Department und Institut war Covid19 tatsächlich hilfreich. Nach der ersten Emergency-Phase haben wir es geschafft, als europäisches Team zusammenzukommen. Das wäre es uns mit unseren normalen Vor-Ort-Aktivitäten sonst wohl nicht eingefallen. Daraus sind tolle Dinge entstanden, und Effectuation muss da einfach eine Rolle gespielt haben. Im Herbst 2020 haben wir zum Beispiel mit 120 Studierenden von drei Programmstandorten ein europäisches Event veranstaltet: Wir haben das Finale der „Option E", der Spezialisierung in Entrepreneurship, online gefeiert. Das war wie ein kleiner Eurovision Song Contest – nur gab es anstelle von Liedern bei uns Business Pitches.

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