• Dr. Anja Sommerfeld, Dr. Gregor Hofmann, BR50, Brain City Berlin

    Das Beste aus der Wissenschaftsmetropole Berlin herausholen

BR50 steht für Berlin Research 50. Die Initiative der Berliner außeruniversitären Forschungseinrichtungen wurde im Februar 2020 gegründet. Wie der Name schon sagt, hat der Verbund derzeit ungefähr 50 Mitgliedseinrichtungen. Er bündelt Kompetenzen aus den Forschungsfeldern Gesundheit, Energie, künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit, Materialien, Migration, Politik, Wirtschaft, Kultur- und Geisteswissenschaften und vielen weiteren Bereichen der Brain City Berlin. Einen Einblick in die Zielsetzung und die Arbeit des Verbunds geben Dr. Anja Sommerfeld und Dr. Gregor Hofmann, verantwortlich für die Geschäftsstellen von Berlin Research 50, im Brain City-Interview.

Herr Dr. Hofmann, Frau Dr. Sommerfeld, warum wurde die Initiative Berlin Research 50 ins Leben gerufen?  

Gregor Hofmann: Wir finden in Berlin einen thematisch sehr breit gefächerten und auch institutionell äußerst bunten Strauß an außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Dazu gehören unter anderem Leibniz- und Max-Planck-Institute, Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft, Ressortforschungseinrichtungen des Bundes und weitere Einrichtungen, wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Centre Marc Bloch oder das Berliner Zuse-Institut. Von den mehr als 70 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen Berlins sind ungefähr 50 in BR50 vereint. Die Forschung an diesen Einrichtungen ist hochrelevant. Es geht darum, die derzeitigen technologischen, ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen anzupacken.

Anja Sommerfeld: Zugleich versammeln diese Institute und Zentren exzellente Forschende unter ihren Dächern. Die BR50-Mitglieder haben sich zusammengetan, um sich intensiver auszutauschen, neue Formen interdisziplinärer Kooperation auszuloten und gemeinsam Synergien zu identifizieren – und um Berlin als europäische Wissenschaftsmetropole weiter zu stärken.

Welche Vorteile bietet der Wissenschaftsstandort Berlin außeruniversitären Forschungseinrichtungen – und was macht ihn für Spitzenforschende aus aller Welt so attraktiv?

Gregor Hofmann: Die große Vielfalt an Disziplinen stellt ein enormes Potenzial für Berlin dar. Auch die Nähe zu den Berliner Universitäten ist gegeben – das ist unglaublich förderlich für die Wissenschaftseinrichtungen und die Forschung in der Stadt. Die Vernetzung und der Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen und über die eigenen, gewohnten Blasen hinaus, regt unkonventionelles Denken an. So entstehen neue Ideen für Forschungsprojekte und Innovationen.

Anja Sommerfeld: Berlin hat außerdem eine starke und florierende Gründungs- und Start-up Szene, die eng mit den wissenschaftlichen Einrichtungen vernetzt sind. Das Gesamtpaket, das Berlin als Metropole in Sachen Kulturangebot, Lebensqualität und wissenschaftlicher Exzellenz aufweist, ist einzigartig und macht die Stadt als Forschungsraum für internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler attraktiv. Es lockt die besten Köpfe nach Berlin.

Welches Zielsetzung hat der Verbund BR50?

Anja Sommerfeld: Ziel muss es sein, der Versäulung des Wissenschaftssystems entgegenzuwirken, neue Formen der Zusammenarbeit in Berlin zu etablieren und gemeinsam an optimalen Rahmenbedingungen für Spitzenforschung zu arbeiten. Dafür muss Berlin das Potenzial der einzigartigen Vielfalt seiner wissenschaftlichen Disziplinen nutzen. Die Entwicklung der Stadt zu einer international anerkannten Wissenschaftsmetropole steigert die Attraktivität der Hauptstadt und stärkt Berlin im Wettbewerb mit anderen Wissenschaftsstandorten. Erreicht werden kann das allerdings nur gemeinsam mit allen Akteuren in Forschung und Wissenschaft. BR50 und die Mitgliedseinrichtungen stehen daher bereit, sich eng mit den Partnern in der BUA und den anderen Hochschulen abzustimmen, wenn es um die Vorbereitung der Exzellenzinitiative geht, aber auch um die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Wichtig ist: Um das Beste aus Berlin als Wissenschaftsmetropole herauszuholen, darf nicht an der Stadtgrenze Halt gemacht werden. Auch im Land Brandenburg gibt es viele hervorragende Forschungseinrichtungen.

Was wurde im Rahmen von BR50 bisher erreicht?

Gregor Hofmann: Generell kommt die wissenschaftliche Vernetzung der Einrichtungen untereinander gut voran und es findet ein reger Austausch statt. Wir haben hierfür flexible Strukturen etabliert: In vier disziplinären Units vernetzen sich die Einrichtungen inhaltlich entlang breit definierter disziplinärer Bereiche. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit wird durch sogenannte Interest Groups (IGs) befördert. Ende 2021 haben wir zum Beispiel bei einem Workshop zum Thema „Artificial Intelligence in Research“ viele Forschende aus Berlin zusammenbringen können. Von der Grundlagenforschung über die Anwendung von KI und maschinellem Lernen in der Materialforschung, der Medizin oder im Verkehrsbereich bis hin zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen in Bezug auf künstliche Intelligenz wurde dort die ganze Breite dieses Forschungsfelds in Berlin diskutiert. Das Themenfeld KI wird nun durch eine eigene BR50 Interest Group weiterbearbeitet.

Anja Sommerfeld: Zudem wird BR50 mehr und mehr als Anlaufpunkt für Anliegen der Hochschulen, Fragen aus Öffentlichkeit und auch hinsichtlich wissenschaftspolitischer Themen gesehen. Den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen wir über Veranstaltungen, etwa bei der Berlin Science Week. Anfang 2022 hat BR50 außerdem einen eigenen Podcast gestartet, in dem wir kritische Themen aus der Forschung kontrovers beleuchten: „Berlin Research – Forschung in Berlin“. Und auch mit der Senatsverwaltung und der Berliner Politik tauscht sich BR50 aus: Schon seit Beginn der Pandemie ist BR50 Teil der Corona Taskforce am Wissenschaftsstandort Berlin, die die Senatsverwaltung berät. Im September 2021 haben wir zudem die Anliegen der Forschung in Berlin in einem gemeinsamen Positionspapier artikuliert. Im Februar hat BR50 sich bei einer Anhörung im Forschungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses vorgestellt.

Wer kann bei BR 50 Mitglied werden – und ist die Zahl 50 ein Fixum?

Gregor Hofmann: Nein, bei uns können alle Außeruniversitären Forschungseinrichtungen oder Einrichtungen Mitglied werden, die eine Außenstelle oder eine Geschäftsstelle in Berlin haben und die den Ansprüchen wissenschaftlicher Qualitätssicherung gerecht werden. Auch ein Gaststatus ist dabei möglich. Derzeit arbeiten wir intensiv an der Formalisierung des Verbundes und streben die Gründung eines gemeinnützigen Vereins an. Wir hoffen, den Prozess bis Mitte des Jahres abgeschlossen zu haben.

Welche Rolle spielen die bereits erwähnten „Interest Groups“ in der Arbeit von BR50?

Anja Sommerfeld: Die IGs bieten, neben den disziplinorientierten „Units“, eine disziplinübergreifende Plattform. Sie ermöglichen es, sich schnell und agil mit aktuellen Themen zu befassen. Bisher hat sich eine Handvoll IGs gegründet, die sich beispielsweise mit der strategischen Entwicklung von BR50 und der Wissenschaftsstadt Berlin befassen. Um BR50 für internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler attraktiv zu gestalten und Forschenden den Start in Berlin zu erleichtern, wurde die IG „Internationales“ ins Leben gerufen. Dort werden auch Themen wie Dual Career behandelt, wo Berlin definitiv noch Aufholbedarf hat. Die Interest Groups sind daher ein wichtiges Medium, um die Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen auf verschiedenen Ebenen zu fördern, Erfahrungen auszutauschen und Synergien zu nutzen. Schließlich wollen wir niederschwellig und unkompliziert diejenigen aus den Forschungseinrichtungen miteinander ins Gespräch bringen, die von einem Austausch profitieren und daraus Neues entwickeln können.

Wie arbeitet BR50 mit der Berlin University Alliance (BUA) zusammen?

Gregor Hofmann: Bei Themen wie Fortbildung, Dual Career und wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Karrierewege ist Berlin als Ganzes gefragt. Daher steht BR50 im Austausch mit der BUA und der Politik. Um weitere Synergien zu identifizieren, stimmt sich der Verbund mit unterschiedlichen Arbeitsbereichen der BUA ab. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der Berlin Leadership Academy. Zielsetzung ist hier, die Fort- und Weiterbildungsprogramme auch für Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu öffnen. Ein anderes Beispiel ist der Austausch mit der Berlin-Oxford-Partnerschaft zu Fragen der Internationalisierung und Forschungskooperation.

Der Einsatz für die Belange internationaler Forschender ist ein inhaltlicher Fokus der BR50. Inwiefern setzt sich der Verbund aktuell für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Ukraine ein?  

Gregor Hofmann: Die Auswirkungen des russischen Einmarschs in der Ukraine auf Berlin und die Wissenschaft insgesamt werden uns noch lange Zeit beschäftigen. In zwei Stellungnahmen brachten die BR50-Koordinatorinnen und -Koordinatoren ihre Solidarität mit den Menschen vor Ort und mit denjenigen zum Ausdruck, die sich für einen freien Wissenschafts- und Kulturaustausch in der Ukraine und auch in Russland einsetzen. BR50 hat frühzeitig Bemühungen unterstützt, sich untereinander auszutauschen und die Personen in den Einrichtungen miteinander zu vernetzen, die z.B. geflüchtete ukrainische Forschende bei der Beantragung von Fördermitteln unterstützen können. BR50 koordiniert hier aber vor allem und trägt Informationen zusammen, ohne Strukturen zu doppeln.

Darüber hinaus haben verschiedene BR50-Einrichtungen selbst, gemeinsam mit Partnern oder in Zusammenarbeit mit ihren jeweiligen Dach-Forschungsorganisationen, Programme aufgesetzt, um geflüchtete ukrainische Forschende zumindest über eine gewisse Zeit zu unterstützen. Einige Institute, die über freie Kapazitäten in Gästezimmern verfügen, haben diese angeboten. Andere bemühen sich darum, Netzwerkmöglichkeiten für geflüchtete Forschende zu schaffen. Zugleich bieten wir den BR50-Mitgliedern weiterhin ein Austauschforum zu den laufenden Aktivitäten an. Auch mit der entsprechenden Arbeitsebene der BUA stehen wir in regelmäßigem Kontakt. Alle aktuellen Informationen aus den BR50-Einrichtungen bzgl. Angeboten und Programmen bündeln wir auf unserer Webseite unter dem Punkt „IG Ukraine“.

Anja Sommerfeld: Es müssen außerdem langfristige Perspektiven für geflüchtete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erarbeitet werden, die hierbleiben. Und es geht darum, jene zu unterstützen, die zurück in ihre Heimat wollen. Die wissenschaftlichen Einrichtungen und Universitäten müssen wiederaufgebaut, die Forschungsarbeiten wiederaufgenommen und eine freie Wissenschaft ohne Repressionen gefördert werden. Der letzte Punkt gilt nicht nur für die Forschung in der Ukraine, sondern auch in Russland und allen anderen autoritär regierten Ländern. Auch diesem Thema hat sich BR50 in einer Podcastfolge angenommen.

Interdisziplinarität und Vernetzung sind nicht nur Ansätze der BR50, sondern auch Charakteristika des Wissenschaftsstandorts Berlin. Gibt es Stellschrauben, an denen noch etwas gedreht werden könnte?

Anja Sommerfeld: Das Wissenschaftssystem in Deutschland ist durch eine starke Versäulung geprägt. In anderen Ländern ist das nicht so und für Außenstehende ist es oft schwierig, das hochkomplexe System zu verstehen. Das sind Hürden, wenn es um den Aufbau von Kooperationen mit internationalen Wissenschaftseinrichtungen oder Verbünden geht. Deutschland muss daher noch ein wenig besser darin werden, die hier existierenden Strukturen verständlich zu machen, aber langfristig auch für eine Vereinfachung dieser Strukturen sorgen.

Gregor Hofmann: Zumal die Strukturen immer komplexer werden. Zum Beispiel mit Blick auf gemeinsame Berufungen von Professorinnen und Professoren; einem wichtigen Instrument, um Forschung und Lehre an außeruniversitären Einrichtungen und an Hochschulen miteinander zu verzahnen – und auch, um herausragende internationale Forschende zu uns zu holen. Für Deutschland, und insbesondere für Berlin als Wissens- und Innovationsstandort, wäre es außerdem hilfreich, wenn der Transfer von Forschungserkenntnissen an die Öffentlichkeit und in wirtschaftliche Wertschöpfungsketten hinein stärker gefördert würde. Wir sind sehr gespannt auf die geplanten Initiativen in diesem Bereich. (vdo)

br50.org