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28.05.2026Warum schwankt die Leistung bei ADHS so stark? Ein Berliner Forscher hat eine neue Antwort
Viele Betroffene kennen das Phänomen: Stundenlanger Hyperfokus in einem Moment, völlige Erschöpfung beim nächsten einfachen To-do. Immer mehr Menschen in Europa erhalten eine ADHS-Diagnose für sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen. Vor allem bei Frauen nimmt diese Zahl zu, während gleichzeitig die Krankheit immer besser erforscht wird. Offen ist noch die Frage, warum Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit bei Betroffenen so stark schwanken. Eine neue Studie von der Freien Universität der Brain City Berlin liefert nun eine neuen Erklärungsansatz.
Mohammad Dawood Rahimi, ein Neurobiologe von der FU Berlin, stellte kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Neuroscience & Biobehavioral Reviews sein Modell der „Energy Deficit Hyperactivity Disorder“ (EDHD) vor. Dieser Ansatz interpretiert ADHS als Folge einer instabilen neuronalen Energieverfügbarkeit. Demnach verfügen Menschen mit ADHS nicht grundsätzlich über weniger Aufmerksamkeit, sondern über eine instabile, schnell erschöpfbare mentale Energie. Diese Dynamik könnte erklären, warum Betroffene in manchen Situationen hochkonzentriert arbeiten, während ihnen in anderen Momenten selbst einfache Aufgaben schwerfallen.
Von Aufmerksamkeitsdefiziten zu Energieregulation
Der Erkläransatz soll einen Beitrag zur Entstigmatisierung von Betroffenen leisten. „Das Modell bietet eine neue Perspektive auf ein seit Jahrzehnten erforschtes Störungsbild“, so Mohammad Dawood Rahimi vom Arbeitsbereich Cognitive Neuroscience der Freien Universität Berlin. Phänomene wie Hyperfokus oder starke Leistungsschwankungen ließen sich mit dem EDHD-Modell so besser verstehen.
Ein häufig beschriebenes Merkmal von ADHS ist die starke Schwankung der Leistungsfähigkeit: Viele Betroffene können sich über Stunden intensiv auf hochinteressante Tätigkeiten konzentrieren, haben jedoch erhebliche Schwierigkeiten mit monotonen und oder langandauernden Aufgaben. Das EDHD-Modell deutet dies als energieabhängige Regulation: Stimulierende Aufgaben stabilisieren kurzfristig die Energienutzung im Gehirn. Reizarme Tätigkeiten führen dagegen eher zu einem Abfall verfügbarer Ressourcen. Die Leistungsfähigkeit wird damit als kontextabhängig verstanden.
In seiner Studie argumentiert der Forscher, dass neurobiologische Prozesse wie der Glukosestoffwechsel und die Funktion der Mitochondrien eine zentrale Rolle spielen könnten. Bestimmte Hirnregionen, etwa solche, die für Planung, Aufmerksamkeit und Selbstregulation zuständig sind, könnten demnach zeitweise nicht ausreichend mit Energie versorgt werden. Zugleich betont Dawood Rahimi: „Der EDHD-Ansatz versteht sich ausdrücklich als hypothesengenerierender theoretischer Ansatz – nicht als neue Diagnosekategorie oder klinisches Instrument. Ziel ist es, Befunde aus Neurowissenschaften, Bioenergetik, Kognitionsforschung und Computermodellierung in einem systemischen Erklärungsrahmen zusammenzuführen.“
Erholung und Struktur als Schlüsselfaktoren
Im EDHD-Modell hängt stabile Aufmerksamkeit vor allem von ausreichender Erholung ab. Schlaf, Pausen und biologische Rhythmen bestimmen, wie viel kognitive Energie verfügbar ist. Fehlt diese Regeneration, können selbst einfache Aufgaben überfordern – ein möglicher Grund für typische Leistungsschwankungen.
Auch Verhaltensweisen wie Unruhe oder Ablenkbarkeit erscheinen in diesem Licht anders: Sie könnten kurzfristige Strategien sein, um das Energieniveau zu stabilisieren. Bewegung oder neue Reize helfen dem Gehirn, leistungsfähig zu bleiben. Damit rückt ADHS weg von der Deutung als Disziplinproblem hin zu einer Frage des Ressourcenmanagements. Für die Praxis ergeben sich neue Ansatzpunkte wie etwa ein stärkerer Fokus auf Schlaf, Ernährung und Stoffwechsel neben der medikamentösen Behandlung. Das EDHD-Modell ist ein Schritt in diese Richtung, und die Brain City Berlin mit ihrer starken Neurowissenschafts-Community dürfte dabei eine wichtige Rolle spielen.
Weitere Informationen
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Die Studie: Rahimi, M. D. (2026). „Energy Deficit Hyperactivity Disorder (EDHD): A neurobiological energy dysregulation model for ADHD” erschienen in Neuroscience & Biobehavioral Reviews ist abrufbar unter: https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2026.106616
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Pressemeldung der FU Berlin: https://www.fu-berlin.de/presse/informationen/fup/2026/fup_26_051-ADHS-Erklaeransatz-EDHD-neuroscience/index.html
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Mohammad Dawood Rahimi, Freie Universität Berlin, Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie, Arbeitsbereich Cognitive Neuroscience, E-Mail: rahim84@zedat.fu-berlin.de