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Dr. Chang Gao Universität der Künste Berlin

© Torsten Weller

Kann unser Körper verändern, wie künstliche Intelligenz die Welt sieht? Dieser Frage geht die Künstlerin und Forscherin Dr. Chang Gao nach. Als assoziierte Forscherin am Sonderforschungsbereich „Intervenierende Künste“ der Freien Universität Berlin und Lehrbeauftragte an der Universität der Künste Berlin arbeitet sie an der Schnittstelle von zeitgenössischer Kunst, verkörperter KI und affektiven Technologien.

„Mich beschäftigt die Frage, wie künstliche Intelligenz menschliche Vorstellungen von Normalität, Identität und Begehren übernimmt – und damit auch kulturelle Vorurteile und gesellschaftliche Machtverhältnisse reproduziert“, erklärt Chang Gao. Generative KI wird anhand menschlich erzeugter Texte und Bilder trainiert, in denen sich bestimmte Sichtweisen auf die Welt widerspiegeln. „Sie kann auch die darin enthaltenen kulturellen Vorannahmen, Hierarchien und Ausschlüsse reproduzieren.“

In ihrem Projekt SensoryHybrid³ sucht sie nach einem anderen Zugang zu diesen Systemen: nicht ausschließlich über Sprache und vorgegebene Kategorien, sondern auch über körperliche Wahrnehmung und physiologische Rückkopplung. „Mich fasziniert die Frage, ob unser Körper die Art und Weise verändern kann, wie KI die Welt wahrnimmt und repräsentiert.“ In ihren künstlerischen Experimenten arbeitet sie mit Herzaktivität, Berührung, Bewegung und audiovisuellen Umgebungen, die auf die Menschen darin reagieren. Mit Skulptur, Sensorik und Performance erforscht sie, „was geschieht, wenn Berührung, Bewegung und Körpersignale auf Technologien treffen, die von Sprache und überlieferten kulturellen Normen geprägt sind“. Dabei geht es ihr nicht nur darum, Verzerrungen in KI-Systemen sichtbar zu machen. Sie untersucht auch, ob und unter welchen Bedingungen solche Begegnungen über kurzfristig veränderte KI-Ausgaben hinausgehen und die zugrunde liegenden Repräsentationsmuster langfristig beeinflussen könnten.

Ihre eigene Methode betrachtet sie dabei kritisch. „Gleichzeitig ist mir bewusst, dass physiologische Signale nicht unmittelbar unsere Gefühle oder unser Begehren offenbaren. Auch ihre technische Interpretation muss kritisch hinterfragt werden.“ Dabei versteht sie den Körper nicht einfach als weitere Datenquelle, sondern als Ausgangspunkt für die Frage, was als Wissen gilt und wer darüber entscheidet. Ihre zentrale Forschungsfrage lautet deshalb, ob verkörperte, affektive Interaktionen neue Formen des Wissens und der Beziehung zwischen Mensch und KI ermöglichen können.

Mich fasziniert die Frage, ob unser Körper die Art und Weise verändern kann, wie KI die Welt wahrnimmt und repräsentiert.

Dr. Chang Gao
Universität der Künste Berlin

„Mein Weg in dieses Forschungsfeld begann nicht in der Informatik, sondern in der Kunst“, sagt Chang Gao. Zunächst beschäftigte sie die Frage, wem der öffentliche Raum gehört und wer bestimmt, welche Körper und Bilder dort sichtbar sein dürfen. In China forschte sie künstlerisch und leitete das Social Innovation Research Lab an der Central Academy of Fine Arts in Peking. Am Royal College of Art in London promovierte sie anschließend darüber, wie Erotik und sinnliche Bildwelten Zensur und kulturelle Machtverhältnisse infrage stellen können, insbesondere in China. Heute richtet sie ähnliche Fragen an KI-Systeme: „Wessen Stimmen und Begehren prägen ihre Darstellungen? Welche Maßstäbe gelten als normal, und welche Erfahrungen werden überhaupt als Wissen anerkannt?“ Was sie daran reizt: „die Möglichkeit, diese Annahmen durch Kunst, Körper und Affekt nicht nur sprachlich zu kritisieren, sondern unmittelbar erfahrbar und hinterfragbar zu machen.“

Nach drei Jahren als Forscherin im Bereich Public Art an der Central Academy of Fine Arts in Peking und fünf Jahren Promotionsforschung am Royal College of Art in London zog Chang Gao im Februar 2024 nach Berlin. Neben ihrer Forschung am Sonderforschungsbereich der Freien Universität unterrichtet sie an der Universität der Künste. Nach dem Kurs „Embodied AI, Performance, and Affective Systems“ leitet sie dort gemeinsam das Seminar „Critique as Blueprint“, in dem Studierende kritische Fragen in experimentelle Systeme übersetzen. Zudem engagiert sie sich im feministischen, internationalen Kunstkollektiv art&dialogue. Unterrichtet hat sie außerdem am Royal College of Art, an der University of the Arts London und am Bard College Berlin. „Diese Verbindungen sind nicht alle formelle Forschungskooperationen; wichtig ist mir gerade der Austausch zwischen künstlerischer Praxis, Theorie, Lehre und Technologie.“

Genau diesen Austausch findet sie in der Brain City Berlin. „Ich mag an Berlin, dass sich hier die Wege von Künstler*innen, Forschenden und Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten immer wieder kreuzen. Nach meinen Jahren in China und Großbritannien empfinde ich diese Offenheit als besonders wertvoll.“ Ein verklärtes Bild der Stadt hat sie dabei nicht: „Gleichzeitig ist Berlin für mich keine Stadt, in der alles reibungslos funktioniert. Gerade die Spannungen, unterschiedlichen Perspektiven und lebendigen Debatten machen sie interessant.“ Für ihre Arbeit sei entscheidend, dass es neben Universitäten und Forschungseinrichtungen auch eine vielfältige freie Kunstszene gibt. „Zwischen beiden Bereichen entstehen Fragen, die in einer einzelnen Disziplin manchmal gar nicht gestellt würden.“

Für die Zukunft wünscht sie sich, dass Berlin den Austausch zwischen Kunst, Geisteswissenschaften und technischer Forschung durch verlässliche Strukturen stärkt. „Wenn wir über KI und ihre gesellschaftlichen Folgen sprechen, sollten Künstler*innen und kritische Forscher*innen nicht erst am Ende zur Kommunikation eingeladen werden, sondern von Anfang an mitgestalten können.“ Dazu gehörten faire Bezahlung, zugängliche Förderwege und Räume für Experimente mit offenem Ausgang.

Mein Rat wäre: Entwickeln Sie eine eigene Frage, die Sie wirklich interessiert, statt nur dem nächsten Trend zu folgen.

Dr. Chang Gao
Universität der Künste Berlin

Jungen Wissenschaftler*innen, die nach Berlin kommen, empfiehlt sie, neugierig zu bleiben und über die eigene Fachgemeinschaft hinauszuschauen: „Ein Vortrag in einem fremden Institut, ein Atelierbesuch oder ein Gespräch nach einer Veranstaltung kann unerwartete Verbindungen eröffnen.“ Praktische Fragen wie Finanzierung, Arbeitsbedingungen und Sprache sollten früh geklärt werden. „Berlin hat viele Möglichkeiten, aber sie erschließen sich nicht automatisch.“ Wer seine Karriere in der Berliner Wissenschaft starten möchte, dem rät sie: „Entwickeln Sie eine eigene Frage, die Sie wirklich interessiert, statt nur dem nächsten Trend zu folgen. Suchen Sie Menschen, die anders arbeiten und denken als Sie selbst, und bleiben Sie offen dafür, Ihre Annahmen überprüfen zu lassen.“ Ebenso wichtig seien die Bedingungen der eigenen Arbeit, etwa Verträge, Finanzierung und Autor*innenschaft. 

Eine gute wissenschaftliche Laufbahn braucht nicht nur Ideen und Publikationen, sondern auch tragfähige Zusammenarbeit und die Freiheit, kritisch zu bleiben.

Dr. Chang Gao
Universität der Künste Berlin

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