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© Julian Ebinal
29.10.2026Bengisu Berispek - Technische Universität Berlin
Wie wird aus Wissen über den Klimawandel konkretes Handeln? Dieser Frage geht die Umweltingenieurin Bengisu Berispek an der Technischen Universität Berlin nach. Als Gründerin und Leiterin des Sustain.ALL Transformation Hub bringt sie Studierende, Verwaltung, Unternehmen und Stadtgesellschaft zusammen, um gemeinsam Lösungen für Klimaschutz und Klimaanpassung zu entwickeln und zu erproben. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Fachgebiet Digital Water Systems und verbindet in ihrer Arbeit Forschung, Lehre und gesellschaftlichen Transfer. Sustain.ALL greift dabei auch weitere Transformationsfragen auf, etwa Kreislaufwirtschaft, gesellschaftliche Teilhabe und digitale Nachhaltigkeit.
„Mich beschäftigt die Lücke zwischen vorhandenem Wissen und seiner Umsetzung im Alltag“, sagt Bengisu Berispek. An der TU Berlin untersucht sie, wie technische Maßnahmen zur Emissionsminderung mit Beteiligungsprozessen und den Strukturen von Organisationen zusammenwirken und unter welchen Bedingungen daraus dauerhafte Veränderungen entstehen. Ihr Blick richtet sich dabei auf öffentliche Einrichtungen, Hochschulen sowie Stadtquartiere.
In ihrer Promotionsarbeit verbindet sie drei Schwerpunkte: Dekarbonisierung, Digitalisierung mit partizipativen und KI-gestützten Werkzeugen sowie die Weiterentwicklung der Hochschullehre durch challengebasiertes Lernen und Co-Creation. Sie untersucht, wie technische Lösungen, Beteiligung und veränderte Lehr- und Lernprozesse zur nachhaltigen Transformation von Hochschulen und Städte beitragen können.
Wie eng Technik und Alltag zusammenhängen, hat sie in der Praxis erfahren. Nach ihrem Studium arbeitete sie mehrere Jahre im Klimaschutz des Landes Berlin, unter anderem im Projekt „Klimaneutrale Stadt“. Sie entwickelte Klimaschutzfahrpläne für Schulen und öffentliche Gebäude sowie eine Klimacoaching-Methodik.
Gemeinsam mit Abteilungsleitungen, Führungskräften und Mitarbeitenden erarbeitete sie einen Klimaleitfaden mit 47 Klimaschutzmaßnahmen für rund 5.000 Gebäude des Landes Berlin, der auf die Klimaneutralität bis 2045 ausgerichtet ist. So verband sie technische Ansätze mit organisatorischen Anforderungen und den praktischen Erfahrungen der Menschen vor Ort.
Ein wichtiger Impuls für ihre heutige Arbeit kam während der Corona-Pandemie. Weil eine geplante Reise für ein Kunststoffrecyclingprojekt in Afrika ausfiel, stellte sich Bengisu Berispek die Frage, welche Veränderungen sich direkt vor Ort anstoßen lassen. „Dadurch beschäftigte ich mich intensiver mit der Frage, welche Veränderungen wir unmittelbar vor Ort anstoßen können.“ Diese Hinwendung zur lokalen Umsetzung hat den Aufbau von Sustain.ALL wesentlich geprägt. Das Herzstück ist ein Lehrmodul, das sie für Studierende der TU Berlin und der Berlin University Alliance entwickelt hat: Bis zu 50 Studierende im Modul und über 100 Teilnehmende bei den Hackathons lernen dort, komplexe Transformationsfragen zu analysieren, verschiedene Perspektiven einzubeziehen und gemeinsam Lösungen zu erproben.
Ab Mai 2027 steht das Sustain.ALL-Modul im Rahmen des europäischen Hochschulnetzwerks ENHANCE Studierenden von zehn europäischen Universitäten offen und ermöglicht die gemeinsame Bearbeitung realer Transformationsherausforderungen über Hochschul- und Ländergrenzen hinweg.
Bengisu Berispek entwickelt und begleitet die Challenge-Projekte persönlich – von der gemeinsamen Problemdefinition über die Lösungsentwicklung und Erprobung bis zur Umsetzung und Wirkungsreflexion. Dabei entwickelt sie auch ihre eigene Rolle weiter: Als Dozentin vermittelt sie Wissen und Methoden; als Coach und Prozessbegleiterin unterstützt sie Studierende und Praxispartner*innen dabei, eigene Lösungswege zu entwickeln, bestehende Prozesse zu hinterfragen und Veränderungen selbstständig zu gestalten. In ihrer Forschung reflektiert sie, wie diese unterschiedlichen Rollen Zusammenarbeit, Lernen und Umsetzung beeinflussen.
Wir brauchen Menschen, die wissenschaftliche Erkenntnisse einordnen, Verantwortung übernehmen und Transformation gemeinsam gestalten können.
Sustain.ALL richtet sich nicht nur an Studierende. Bei Hackathons, Co-Creation Days und dem Sustain.ALL Forum arbeiten Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit Menschen aus Politik, Verwaltung, NGOs und Unternehmen an konkreten Aufgaben. An einem der Hackathons beteiligten sich rund 90 Teilnehmende in zehn Teams. Über einen offenen Aufruf, den „Open Call for Transformation“, können alle Interessierten eigene Herausforderungen einbringen. Wissenschaftlich interessiert Bengisu Berispek, ob und wie solche Formate Zusammenarbeit fördern und unter welchen Bedingungen die Ergebnisse langfristig umgesetzt werden. Dabei betrachtet sie auch, wie Lösungen institutionell verankert werden können und welche gesellschaftlichen und ökologischen Wirkungen sie erzielen. Ein neuer Schwerpunkt ist künstliche Intelligenz: „Ich möchte untersuchen, wie KI als Werkzeug für Co-Creation genutzt werden kann – etwa um unterschiedliche Wissensbestände zusammenzuführen, gemeinsam Ideen zu entwickeln und Lösungsansätze zu bewerten.“ Auch die Grenzen dieser Ansätze und mögliche Zugangshürden hat sie dabei im Blick. Menschen sollen die Ergebnisse kritisch prüfen und weiterentwickeln und die Entscheidungshoheit behalten. Mit ihrem Podcast „SHIFT Z“ und den „Transformation Talks“ trägt sie ihre Themen zudem in die Öffentlichkeit.
Auch auf Klima- und Wissenschaftskonferenzen teilt sie ihre Mission, Erfahrungen und Methoden, gewinnt neue Perspektiven und knüpft Kooperationen. Mit ihren geplanten Beiträgen auf der UN-Klimakonferenz COP möchte sie diesen Austausch international erweitern. Ihr Ziel ist, mehr Menschen zur Mitgestaltung zu befähigen und gemeinsam entwickelte Ansätze über den Campus hinaus in die Umsetzung zu bringen. Die Impulse aus diesem Austausch fließen in die Weiterentwicklung ihrer Arbeit ein.
Nach Berlin kam Bengisu Berispek 2016 als Erasmus-Studentin, damals studierte sie Environmental Engineering an der Istanbul Technical University. 2019 kehrte sie für ihren Master in Technischem Umweltschutz an die TU Berlin zurück. 2024 wurde sie bei Falling Walls Engage ausgezeichnet und vom Tagesspiegel in die Liste der „100 Köpfe der Berliner Wissenschaft“ aufgenommen. „Ich kam zunächst als internationale Studentin nach Berlin. Heute ist die Stadt meine Heimat und der Ort, an dem ich eigene Initiativen entwickeln und Verantwortung übernehmen kann.“ Oder, wie sie es selbst zusammenfasst: „Ich bin eine Berlinerin!“
Besonders schätzt sie an der Brain City Berlin die Nähe von Wissenschaft, Politik, Kultur und Zivilgesellschaft. „Für meine Arbeit ist besonders wertvoll, dass Fragen nachhaltiger Transformation hier unmittelbar sichtbar werden: in öffentlichen Gebäuden, auf dem Campus und in den Quartieren.“ Für die Zukunft wünscht sie sich langfristige Strukturen für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, die über einzelne Projekte und kurze Förderzeiträume hinausreichen.
Transformationsfragen erfordern Kooperationen, die über einzelne Projekte und kurze Förderzeiträume hinausreichen.
Jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die nach Berlin kommen, rät sie, früh Netzwerke aufzubauen, etwa bei der Berlin Science Week, und gezielt nach Communities zu suchen, die Orientierung geben. Zugleich empfiehlt sie, Prioritäten zu setzen: „Berlin bietet viele Möglichkeiten. Eine wissenschaftliche Laufbahn braucht zugleich Raum für vertiefte Arbeit, kritischen Austausch und die Weiterentwicklung eigener Fragen. Mein Rat ist deshalb, offen für neue Verbindungen zu bleiben und den eigenen Forschungsschwerpunkt bewusst weiterzuentwickeln.“
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