• © Sibylle Pichot, Resilience Care SAS

    Zwischen den Terminen nicht allein: Wie Recovery Cat die psychiatrische Behandlung digital begleitet

Wer psychisch erkrankt ist, sieht sein Behandlungsteam oft nur alle paar Wochen. Was dazwischen passiert, bleibt häufig unsichtbar, bis es zur Krise kommt. Das Berliner Start-up Recovery Cat hat dafür eine digitale Therapiebegleitung entwickelt, die Patientinnen und Patienten gemeinsam mit ihren Behandelnden nutzen. Entstanden ist sie an der Charité, gewachsen in der Brain City Berlin.  

Im September 2026 hat das französische Unternehmen Resilience, das auf medizinisches Monitoring spezialisiert ist, Recovery Cat übernommen. Mitgründer und CEO Dr. Jakob Kaminski von der Charité – Universitätsmedizin Berlin erzählt, wie die Idee entstand und was den Ansatz auszeichnet. Parallel zu der Gründung und dem Aufbau des Unternehmens hat er weiter Patient*innen behandelt: „Ich habe immer am Montag meine Sprechstunde, das ist mir wichtig.“ Schon in seiner Facharztweiterbildung fiel ihm eine Lücke auf. Zu den Terminen sehen Behandelnde nur eine Momentaufnahme, dazwischen sind die Betroffenen oft wochenlang auf sich gestellt, und in dieser Zeit entstehen Krisen.  

Eine Idee aus dem Klinikalltag 

Recovery Cat soll diese Lücke schließen. „Es gibt zwei Interfaces: Eins für die Patient*innen, eins für die Behandelnden.“ Im Behandlungstermin richtet das Team die App gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten ein. In den folgenden Tagen und Wochen protokollieren die Betroffenen Symptome, Nebenwirkungen und die Einnahme ihrer Medikamente, aber auch ihre persönlichen Ressourcen, also das, was ihnen guttut. So werden Verläufe sichtbar, und Trends lassen sich früh erkennen. Zeichnet sich eine Krise ab, erhalten die Nutzenden automatisch Hinweise, etwa sich früher in der Praxis vorzustellen oder auf eigene Strategien zurückzugreifen, wie rauszugehen oder soziale Kontakte zu nutzen. Ziel ist, Krisen abzufangen, bevor ein Klinikaufenthalt nötig wird. „Das ist oft das Tragische: Wenn man nicht frühzeitig unterstützt, können sich Krisen doch so sehr verschärfen, dass stationäre Behandlungen notwendig werden“, erklärt Kaminski. 

Mit Patient*innen entwickelt 

Von Anfang an waren Betroffene an der Entwicklung beteiligt. „Wir haben Recovery Cat zusammen mit Patient*innen entwickelt“, sagt Kaminski. Das gilt auch für den Umgang mit den Daten, die in der Psychiatrie besonders sensibel sind. Das Team erhebt nur, was nötig ist, nutzt Server in Europa und hat die Architektur auf möglichst geringe Risiken ausgelegt. „Natürlich gibt es da keine hundertprozentige Sicherheit, aber uns war wichtig, dass Patient*innen die Datenhoheit haben und auch wirklich das teilen können, was sie teilen wollen.“ 

Dahinter steht ein grundsätzlicheres Anliegen. Bisher entscheiden vor allem Kliniken und Praxen, die den Großteil der Daten halten, darüber, was mit ihnen geschieht. Kaminski sagt „Ich lege großen Wert darauf, eine Veränderung herbeizurufen, sodass die Patient*innen mehr an den Prozessen rund um das Teilen von Daten beteiligt sind.“ 

Mehr als eine App: Versorgung mit Vergütung 

Recovery Cat unterscheidet sich von vielen anderen Gesundheits-Apps durch die Anwendung, die fest in die Behandlung eingebettet ist. „Ich bin tief davon überzeugt, dass die Technik allein nicht wirkt“, sagt Kaminski. Das Team habe Recovery Cat „dediziert als hybrides Versorgungskonzept gestaltet und eben nicht nur die Software entwickelt, sondern auch die Hardware“. Gemeint ist das Versorgungsmodell dahinter, also die Vergütung von Psychiater*innen und Gesundheitspersonal, die das Tool nutzen.  

Dafür hat Recovery Cat einen Selektivvertrag mit der Techniker Krankenkasse (TK) abgeschlossen. Die TK übernimmt die Kosten für ihre Versicherten, und Ärzt*innen werden dafür vergütet, dass sie die Daten auswerten, bewerten und ihre Fachexpertise einbringen. Genau hier sieht Kaminski den Unterschied zu den digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA), die Patient*innen meist allein nutzen: Für eine kontinuierliche Begleitung durch Behandelnde gibt es dort bislang kein wirklich passendes Vergütungsmodell. Nach Angaben aus Branchenberichten wird Recovery Cat in knapp 20 Kliniken und Praxen in fünf Bundesländern eingesetzt. 

Erste Ergebnisse stützen den Ansatz. Kaminski zufolge konnte das Team in der ersten Machbarkeitsstudie zeigen, dass die Anzahl an Hospitalisierungen reduziert war. Er ordnet das vorsichtig ein: „Das war jetzt ein erster Hinweis.“ Für das zugrunde liegende Prinzip, die Behandlung an messbaren Verläufen auszurichten (Measurement-Based Care), gibt es seit Jahrzehnten wissenschaftliche Belege, die das Team in einer Metaanalyse zusammengefasst hat. Machbarkeitsstudie und Metaanalyse erschienen 2025; derzeit wertet das Team weitere Daten aus. 

Kurze Wege in der Brain City Berlin 

Für die Gründung war Berlin aus Kaminskis Sicht in mehrfacher Hinsicht ein guter Ort. Die Charité bot Klinik, Wissenschaft und „Technologietransfer-Expertise“ an einem Ort und damit „die kurzen Wege“, die ein Start-up in der Anfangsphase braucht. Bevor die Firma 2022 gegründet wurde, unterstützten das Projekt bereits der Digital Health Accelerator des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) und der Prototype Fund. Hinzu kam Kapital der Investitionsbank Berlin (IBB), das Recovery Cat gemeinsam mit privaten Finanzinvestoren einwerben konnte. Als dritten Vorteil nennt Kaminski die vielen talentierten, engagierten Menschen in der Stadt: „ Wir hatten wirklich keine Probleme, talentierte Mitarbeitende zu finden. Das ist ganz besonders am Standort Berlin, denke ich.“ 

Mediziner*innen, die selbst gründen wollen, rät Kaminski, ihre Erfahrung aus der Klinik zu nutzen: „Das Tolle ist, dass man mit einem klinischen Hintergrund wirklich vom Problem her denken kann.” Ebenso wichtig sei es, die Perspektive der Betroffenen von Beginn an einzubeziehen. „Da empfehle ich sehr, Patient*innen ins Team reinzuholen. Das ist total wichtig.“ 

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