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„Nachfolge in Deutschland“ – Initiative der HWR Berlin hat Chance auf europäischen Förderpreis

13.09.2018 | Unternehmensnachfolge: ein sensibles Thema. Brain City Botschafterin Prof. Dr. Birgit Felden von der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin unterstützt mit ihrer Initiative „Nachfolge in Deutschland“ Unternehmerfamilien und Gründer bzw. Gründerinnen beim Thema Unternehmensnachfolge.

Die Initiative „Nachfolge in Deutschland“ wurde nationaler Sieger beim Vorentscheid zum Europäischen Unternehmensförderpreis 2018 und könnte im November mit dem bedeutenden Preis der Europäischen Kommission geehrt werden.

Mit Gründergeist und Selbstvertrauen – Entrepreneurship an der HWR Berlin studieren

 

Frau Prof. Dr. Birgit Felden ist Direktorin des Instituts für Entrepreneurship, Mittelstand und Familienunternehmen (EMF)  an der HWR Berlin. Die Brain City Botschafterin forscht seit über 25 Jahren zu Trends und Bedeutung von Mittelstand, Familienunternehmen sowie zur Unternehmensnachfolge und leitet an der HWR Berlin den Studiengang „Unternehmensgründung und Unternehmensnachfolge“.

 

Mit Brain City Berlin spricht Prof. Dr. Felden über ihre Forschung und die Initiative der HWR Berlin.

 

Brain City Berlin: Frau Prof. Felden, können Sie uns erklären, was Sie am Thema Unternehmensgründung und -nachfolge seit mehr als 25 Jahren interessiert?

Prof. Dr. Birgit Felden: Das Thema ist aus mehreren Gründen spannend. Zum einen interessiert mich die Vielfalt der Lösungswege, weil jeder Mensch nun mal anders denkt und tickt. Das Thema wird einfach nicht langweilig und ist immer aktuell. Außerdem ist es ein interdisziplinäres Thema: strategische, rechtliche, steuerliche und auch emotionale Komponenten spielen eine Rolle. Schließlich hat es viel mit Kommunikation zu tun, denn eine Nachfolgelösung verlangt den Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen der Beteiligten – da muss man miteinander reden.

Brain City Berlin: Sie leiten den Studiengang: „Unternehmensgründung und Unternehmensnachfolge“ an der HWR Berlin. Was lernt man in diesem Studiengang und an wen richtet er sich?

Prof. Dr. Birgit Felden: Der Studiengang richtet sich an alle, die in einer selbstständigen Tätigkeit ihre berufliche Zukunft sehen, weil sie entweder eine Geschäftsidee haben und diese umsetzen wollen oder eines der über 100.000 Unternehmen übernehmen möchten, die in Deutschland qualifizierte Nachfolgende suchen. Der Studiengang Unternehmensgründung und -nachfolge an der HWR Berlin hilft, dieses Vorhaben professionell und systematisch anzugehen, indem die Studierenden durch einen praxisnahen Mix gezielt auf eine selbstständige Tätigkeit vorbereitet werden. Das Studium kann flexibel abends, tagsüber oder auch im blended-Format (digitales Teilzeitstudium kombiniert mit Präsenzveranstaltungen) studiert werden und lässt genügend Raum zur Realisierung von unternehmerischen Ideen während des Studiums. Mit dem grundlegenden Fachwissen ausgestattet, lernen die Studierenden, mögliche Risiken, aber auch Chancen zu bewerten und abzuwägen. Kurse in Strategieführung, Verhandlungsführung, Kommunikations- und Präsentationstechniken bereiten darauf vor, zukünftige Managementaufgaben als Führungskraft erfolgreich zu meistern.

Brain City Berlin: Inwiefern spielt Berlin für Ihre Forschung eine besondere Rolle?

Prof. Dr. Brigit Felden: Berlin ist für mich ein idealer Mix aus jungen, motivierten und neugierigen Studierenden und aus kreativen und engagierten Kolleginnen und Kollegen. Die Partner hier in Berlin sind sehr offen. Ich habe die Politik direkt vor Ort – in einem Umfeld, das dynamisch ist, wächst und auch gesellschaftlich spannend ist. Das finde ich sehr reizvoll. Hier bekomme ich alles, was ich brauche, um erfolgreich arbeiten, forschen und lehren zu können. Die Kombination aus Praxis und Wissenschaft, insbesondere der anwendungsorientierte Forschungsbereich, ist mir besonders wichtig. Da forscht man nicht im Elfenbeinturm, sondern holt sich Daten aus der Praxis und bringt die Erkenntnisse direkt zum Unternehmen. Ich bin jahrelang selbst Unternehmerin gewesen und weiß, wofür man Erkenntnisse der Forschung braucht.

„Nachfolge beginnt jetzt!“ – Der Erfolg der Nachfolge-Initiative der HWR Berlin

 

Die Unternehmensnachfolge ist ein Thema, das insbesondere den Mittelstand betrifft. Sorgfältige Planung und umfassendes Wissen sind für eine Unternehmensnachfolge unabdingbar – doch nicht leicht zugänglich. Aus diesem Grund hat das Institut für Entrepreneurship, Mittelstand und Familienunternehmen (EMF) der HWR Berlin die Initiative „Nachfolge in Deutschland“ ins Leben gerufen.

 

Die durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) finanzierte Initiative bietet eine unabhängige Wissens- und Informationsplattform, die umfangreich zum Thema Unternehmensnachfolge informiert. Auf der Website finden Besucherinnen und Besucher Rubriken wie „Abgeben“ oder „Nachfolgen“, die sich den verschiedenen Formen und Phasen der Unternehmensnachfolge dezidiert widmen. Hinzu kommen ein Online-Lexikon zum Thema Nachfolge (das sogenannte Nachfolgewiki) sowie der nachfolg-o-mat, der als Analysetool einen einfachen Einstieg in die komplexe Thematik bietet.

 

Brain City Berlin: Vor welchem Hintergrund wurde die Initiative „Nachfolge in Deutschland“ ins Leben gerufen?

Prof. Dr. Birgit Felden: Das Thema ist volkswirtschaftlich enorm wichtig und brisant: In Deutschland stehen permanent 100.000 Betriebe vor der Nachfolge. Die Unternehmensnachfolge ist auch angesichts der erwarteten demographischen Entwicklungen eine Gefahr für die Zahl der Betriebe und damit für Arbeitsplätze.

Die Herausforderungen dieses komplexen Themas wie mangelhafte Altersabsicherung, Zukunftsfähigkeit der Betriebe und Nachfolgermangel am Standort sind aufgrund der regionalen Besonderheiten (z. B. weniger Zeit für die Altersabsicherung, viele kleine Betriebe, geringere Bevölkerungsdichte, damit weniger Interessenten) vor allem in Ostdeutschland besonders prekär. 

Eine dieser Dimension entsprechenden prominente Positionierung erhält das Thema in der Wirtschaft bisher jedoch kaum. Die kritische Bedeutung dieser enormen Herausforderung mit Auswirkungen für das einzelne Unternehmen ebenso wie für die Gesamtwirtschaft ist noch nicht genügend ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Das wird u. a. daran deutlich, dass die Unternehmensnachfolge z. B. bei Ansprechpartnern von Kammern und Banken für Nachfolgende und Übergebende meist dem Bereich Neugründung zugeordnet und nicht eigenständig platziert wird. Ferner müssen bestimmte Nachfolgergruppen (z. B. Frauen) zielgruppenadäquater angesprochen werden. Die Ansprache von (jüngeren) Nachfolgenden und an Nachfolge Interessierten erfordert außerdem eine intensivere multimedial aufbereitete Kommunikation. Das alles soll die Initiative leisten.

Brain City Berlin: Was bieten Sie denn konkret für Hilfestellungen an?

Prof. Dr. Birgit Felden: Die Initiative „Nachfolge in Deutschland“ verankert das Thema Unternehmensnachfolge sowohl breit als auch zielgruppenspezifisch. Über zeitgemäße, multimediale Kommunikationskanäle wie www.nachfolge-in-deutschland.de und andere Tools, die kontinuierlich erweitert werden, wird die öffentliche Aufmerksamkeit und Wahrnehmung gesteigert. Die Seite www.nachfolge-in-deutschland.de ist in ihrer Art ein einzigartiges Informations- und Wissensportfolio.

Prof. Dr. Birgit Felden: Übergebende und Nachfolgende sowie deren Berater erhalten ein Instrument mit umfassender inhaltlicher Begleitung bei allen anstehenden Nachfolgefragen an die Hand, in moderner Form, verständlich und systematisch aufgebaut und für den direkten Praxiseinsatz nutzbar. Dabei wird die Komplexität des Themas Nachfolge sinnvoll erklärt, werden die Bausteine logisch aufgezeigt und in einem ganzheitlichen und nachhaltigen Ansatz formuliert. So beschreibt der interaktive Nachfolgefahrplan anhand von Streckenlinien, Zonen und Stationen analog zum Streckennetz eines ÖPNV den typischen Verlauf einer Nachfolge, gegliedert für die verschiedenen Beteiligten.

Durch Visualisierung und klare Struktur gibt er einen Überblick zum Thema und steht inzwischen in 12 Sprachen sowohl zum pdf-Download als auch gedruckt im praktischen Faltformat zur Verfügung. Die Nutzung des gesamten Webangebotes ist kostenfrei und ohne Registrierung oder Login möglich. Aufgrund des niedrigschwelligen und technisch barrierefreien Zugangs durch das Webangebot werden alle Personen angesprochen, die sich für das Thema Unternehmensnachfolge interessieren.

Durch eine moderne Tonalität richten sich die kommunikativen Angebote von Nachfolge-in-Deutschland bewusst nicht nur an abgebende Unternehmer und familieninterne Nachfolgende sondern an eine Bandbreite von Personen, die erstmals in ihrer Berufs-Vita mit dem Thema Unternehmensnachfolge in Berührung kommen. Es wurde ein Facebook-Kanal entwickelt, in dem Quizzes und tagesaktueller Content für junge Zielgruppen zur Verfügung gestellt wird.

Die Ideen und die praktische Hilfestellungen kommen an

Der Erfolg der Initiative gipfelt im Sieg beim Vorentscheid zum Europäischen Unternehmensförderpreis 2018. Eine Expertenjury des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie hat die Initiative „Nachfolge in Deutschland“ als eine von zwei Siegern des deutschen Vorentscheids gekürt und schickt sie für den Europäischen Unternehmensförderpreis ins Rennen.

Die Verkündung des Siegers und die Preisverleihung erfolgen im November 2018 in Graz. Unabhängig vom Ausgang des Wettbewerbs steht bereits fest, dass das Thema Unternehmensnachfolge für viele Unternehmer – ob jung oder alt – eine Herzensangelegenheit ist.

Brain City Berlin: Wie bewerten Sie den Erfolg der Initiative „Nachfolge in Deutschland“ und welche Auswirkung hat er auf die Entwicklung des Projekts?

Prof. Dr. Birgit Felden: Die Initiative erhält ein unerwartet hohes positives Feedback, sowohl durch die Unternehmerschaft als auch durch Mittelstandsmultiplikatoren. Die hohe Nachfrage an Praxistools und die tausenden Zugriffe und Downloads unserer Webangebote zeigen, dass es einen großen Bedarf an Wissen und Handlungsempfehlungen gibt. Die Rückmeldungen von Praxispartnern mit Unterstützungsangeboten, Materialabrufe und viele Veröffentlichungen z. B. in Branchenzeitschriften zeigen, dass das Projekt wesentlich dazu beiträgt, das Thema Unternehmensnachfolge breiter in der Öffentlichkeit und damit im Bewusstsein von unterschiedlichen Zielgruppen zu verankern.

Und hier setzen wir an. Auch zukünftig sind, neben der kontinuierlichen Verbesserung von Bestehendem und dem weiteren Ausbau des Netzwerks, laufende Aktualisierungen (z. B. nachfolg-o-mat 2.0) geplant. Die Instrumente und Webseiten werden kontinuierlich erweitert und logisch ergänzt. Die Vielzahl der Autoren im Nachfolgewiki, die Entwicklung eines englischsprachigen Wikis und das europäische Interreg-Projekt (STOB-Regions) wird das Thema Unternehmensnachfolge auch in Zukunft kommunikativ positionieren. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist dabei die Nachhaltigkeit des Projektes. Sind die Instrumente einmal erstellt, bieten sie mit geringem Pflegeaufwand langfristigen Nutzen für alle Zielgruppen.

 

Brain City Berlin: Herzlichen Dank und viel Erfolg beim Wettbewerb um den Unternehmensförderpreis 2018!

Prof. Dr. Birgit Felden über den Studiengang „Unternehmensgründung und Unternehmensnachfolge“