Klassifiziert und zur Nachahmung empfohlen: Nachhaltige Geschäftsmodelle

Gastbeitrag | Dr. Florian Lüdeke-Freund | ESCP Europe Berlin

Dr. Luedeke-Freund ESCP Europe Berlin

16.05.2018 | Geschäftsmodelle gibt es viele. Wie genau nachhaltige Geschäftsmodelle funktionieren, haben jedoch bisher nur vereinzelte Studien untersucht.

Ein Team aus internationalen Geschäftsmodell-Expert*innen hat an der ESCP Europe Berlin nun elf Mustergruppen für nachhaltig aufgestellte Organisationen entwickelt.

Wer das eigene Unternehmen nachhaltig ausrichten will, kann sich daran orientieren und erfolgreich nachahmen. 

Taxonomie nachhaltiger Geschäftsmodelle

 

Innovative Geschäftsmodelle haben einen guten Ruf: Sie gelten als vielversprechende Ausgangsposition für nachhaltige Unternehmensgründungen und damit als wichtiger Faktor für die grundsätzliche nachhaltige Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft. Doch während es für die konventionelle Wirtschaft eine Vielzahl an Studien, Leitfäden und Handbüchern gibt, existieren bisher nur wenige Studien über ökologisch oder sozial getriebene Geschäftsmodelle.

Ein Team aus 15 internationalen Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis hat deshalb eine Taxonomie nachhaltiger Geschäftsmodelle erarbeitet. Während eines dreijährigen Prozesses wurden mehr als 100 Geschäftsmodelle sowie einschlägige Literatur im Nachhaltigkeitskontext ausgewertet. Herausgekommen ist eine Klassifizierung von 45 Geschäftsmodellen in elf Mustergruppen, die sowohl der Wissenschaft als auch der Wirtschaft als Leitfaden dienen kann.

ESCP Europe Berlin

Enthalten sind die folgenden Geschäftsmodell-Mustergruppen:

 

  1. Umsatz- und Preismodelle
  2. Finanzierungsmodelle
  3. Modelle für Ökodesign
  4. Modelle für die Circular Economy
  5. Lieferkettenmodelle
  6. Spendenmodelle
  7. Modelle für erweiterten Marktzugang
  8. Soziale Modelle
  9. Servicemodelle
  10. Kooperations- und Genossenschaftsmodelle
  11. Gemeinschaftsmodelle

 

Diese werden zudem sechs erwartbaren Nachhaltigkeitsbeiträgen zugeordnet: ökologische, soziale oder ökonomische Effektivität sowie ökologische oder soziale Effizienz und integrative Wirkung.

Praktische Beispiele aus der Wirtschaft

 

Zu den 45 beschriebenen Geschäftsmodellen finden sich Unternehmensbeispiele, die mit unterschiedlichen Preisen in Entwicklungsländern und der westlichen Welt arbeiten, die Mikrokredite vergeben oder ihre Produkte so gestalten, dass sie wiederverwendbar, reparierbar oder recyclingfähig sind. Es finden sich Unternehmen, die entlang ihrer Lieferketten auf die Einhaltung und Verbesserung von ökologischen und sozialen Standards achten, und solche, die soziale Ziele wie die Herstellung von Chancen- und Bildungsgerechtigkeit verfolgen.

Auch nachhaltig orientierter Service ist ein großes Thema. Stichworte hier sind Lebenszyklus-Verlängerung oder produktorientierte Services. Sharing Economy und Genossenschaftsmodelle wurden ebenfalls identifiziert. Die 45 Geschäftsmodellmuster und die jeweiligen Beispielunternehmen, die im Appendix der Untersuchung ausführlich eingeordnet werden, lassen sich somit als eine Best Practice lesen.

Wir gehen davon aus, dass die identifizierten Geschäftsmodell-Muster übertragbar sind. Denn bei jedem Unternehmen, das Werte schaffen will, entstehen ökologische, soziale und/oder ökonomische Probleme. Für diese gibt es Lösungsansätze, die auch in anderen Zusammenhängen, Situationen oder Fachgebieten genutzt werden können.

Trends und Entwicklungen abschätzen mit der Delphi-Methode

Entwickelt wurde die Taxonomie mit Hilfe der sogenannten Delphi-Methode, einem etablierten Verfahren, bei dem Expert*innen um eine Einschätzung gebeten werden. Zusätzlich haben die von uns befragten Expert*innen einen Konsens über die Strukturen, Fragestellungen und Ergebnisse gebildet, sodass diese auch wissenschaftlich belastbar sind.

Die angepasste Delphi-Methode ist ein auf andere Untersuchungen anwendbares Nebenergebnis.

Die elf Mustergruppen der nachhaltigen Geschäftsmodelle dienen Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen verschiedener Disziplinen und Industrien künftig dazu, vorhandene Modelle auf ihre Wirksamkeit hin zu studieren und weiterzuentwickeln. Gleichzeitig lässt sich die Taxonomie aber auch von Gründer*innen dafür nutzen, neue Geschäftsideen zu entwickeln und ihre eigenen Ansprüche an ein nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen zu schärfen.

ESCP Europe Berlin Sustainability

Nur, wenn das Wissen über brauchbare Mittel für die Gestaltung nachhaltiger Unternehmen vorhanden ist, werden sich das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft zueinander sowie die Entwicklung tatsächlich nachhaltig wirtschaftender Unternehmen verbessern.  

Deshalb hat unser Team ebenfalls evaluiert, welches Potenzial für eine nachhaltige Wertschöpfung in den einzelnen Mustergruppen steckt. Mit Hilfe eines Bewertungssystems wurden den einzelnen Geschäftsmodellen bestimmte Punktzahlen zugewiesen. Diese wiederum wurden in Distanzwerte umgerechnet und in das „Nachhaltigkeitsdreieck“¹ nach Stefan Schaltegger und Roger Burritt übertragen. In diesem Modell bilden die drei Aspekte der Nachhaltigkeit – Ökologie, Ökonomie und Soziales – ein Dreieck. Das Besondere an der Modellvariante nach Schaltegger und Burritt ist, dass effiziente und effektive Nachhaltigkeitsbeiträge unterschieden werden. Die Distanzwerte zeigen somit an, in welchem Abstand etwa auf Ökodesign ausgerichtete Unternehmen zu soziale effizienten oder ökonomische effektiven Beiträgen stehen.

 

Das differenzierte Wissen um nachhaltige Geschäftsmodelle nützt in vielerlei Hinsicht:

  • Man kann verstehen, welche Modelle unter verschiedenen Voraussetzungen passend sind (z.B. angesichts ökologischer oder sozialer Anforderungen).
  • Erkenntnisse können leichter unter den Nachhaltigkeitsplayern ausgetauscht werden und auf konventionelle Unternehmen übertragen werden.
  • Unternehmenslenker und Gründer werden inspiriert, erfolgreiche Geschäftsmodelle zu imitieren und weiterzuentwickeln.
  • Hypothesen bezüglich der Nachhaltigkeitswirkung können formuliert und getestet werden.
  • Man kann aus den Erfahrungen der Vorreiter*innen lernen.

 

Bereits heute lassen sich die 45 Geschäftsmodelle, die Grundlage der Mustergruppen waren, mit Hilfe eines Online-Tools für das eigene Unternehmen nutzen. Auf www.smartbusinessmodeler.com können beispielsweise Gründer*innen in einem Online-Kurs verschiedene Muster kombinieren und daraus ihr eigenes Geschäftsmodell entwickeln.

 


¹ Schaltegger, S. & Burritt, R. 2005. Corporate sustainability. In H. Folmer & T. Tietenberg (Hrg.): International yearbook of environmental and resource economics 2005/2006, Cheltenham, UK: Edward Elgar, 185-222

Gastbeitrag von Dr. Florian Lüdeke-Freund

 

ESCP Europe Berlin | Corporate Sustainability

 

Der promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Florian Lüdeke-Freund ist auf die Erforschung nachhaltiger Geschäftsmodelle spezialisiert. Er hat unter anderem die Forschungsplattform www.SustainableBusinessModel.org initiiert, die sich zentralen Fragestellungen nachhaltigen Wirtschaftens widmet. Seit 2017 baut Lüdeke-Freund den Lehrstuhl für Corporate Sustainability an der ESCP Europe Berlin auf und ist gleichzeitig akademischer Direktor des neuen Masters „Entrepreneurship and Sustainable Innovation“.

Die ESCP Europe ist die weltweit älteste Wirtschaftshochschule (gegründet 1819). Mit ihren Standorten in Berlin, London, Madrid, Paris, Turin und Warschau fördert sie den europäischen Gedanken. Die Hochschule ist staatlich anerkannt.

Zur Website der ESCP Europe Berlin

Dr. Lüdeke-Freund ESCP Europe Berlin